Überwachung verändert unser Verhalten - Empirischer Beleg gesucht
Gibt es empirische Belege dafür, dass die Kommunikationserfassung von der unbefangenen Benutzung von Telefon, Handy und E-Mail abschrecke?
Seit 2008 wird in Deutschland auf Vorrat gespeichert, wer wann mit wem per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden hat und an welchen Orten wir unser Handy genutzt haben. Wir haben eine Verfassungsbeschwerde von über 34.000 Personen gegen diese flächendeckende und anlasslose Verhaltenserfassung initiiert, über die das Bundesverfassungsgericht am 15.12.2009 verhandelt hat.
... mal nachgefragt ...
Im Laufe der Verhandlung fragte einer der Verfassungsrichter, ob es empirische Belege dafür gebe, dass die Kommunikationserfassung von der unbefangenen Benutzung von Telefon, Handy und E-Mail abschrecke. Meinungsumfragen legen eine Abschreckungswirkung im Bereich sensibler Kontakte (z.B. von Hilfsbedürftigen, Beratungsbedürftigen, Presseinformanten) zwar nahe (siehe http://twiturl.de/nceoeb und http://twiturl.de/dfjv). Eine experimentelle Erforschung steht aber noch aus.
Spannend: Ein Forschungsprojekt ...
Ein Forschungsprojekt zur Überprüfung der Auswirkungen der Kommunikationsdatenerfassung auf Kommunikationsbereitschaft und Kommunikationsverhalten wäre hoch relevant. Die Vorratsdatenspeicherung ist nicht nur in Deutschland hoch umstritten und wird nach dem Bundesverfassungsgericht ggf. auch von dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) oder dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) geprüft werden. Der Rumänische Verfassungsgerichtshof ist 2009 von einer erheblichen Abschreckungswirkung ausgegangen und hat die Verbindungsdatenspeicherung in Rumänien für verfassungswidrig erklärt. In Irland und Ungarn sind zurzeit Klagen anhängig. In Österreich, Belgien, Griechenland und Schweden wird heftig um die Einführung einer Vorratsdatenspeicherung gerungen.
Verändert Überwachung unser Verhalten?
Ganz allgemein ist die Frage von großer Bedeutung, ob die zunehmende technische Erfassung unseres Verhaltens dieses verändert. Neben der wissenschaftlichen und politischen Bedeutung wären die Ergebnisse entsprechender Experimente auch ökonomisch relevant (Arbeitnehmerüberwachung). Schon das berühmte "Honesty Box"- Experiment des Zentrums für Verhalten und Evolution der Universität Newcastle (http://twiturl.de/lpuuad) hat seinerzeit hohe Wellen geschlagen.
Es würde uns freuen, wenn Sie ein Projekt zur experimentellen Erforschung von Verhaltensänderungen durch die Verbindungsdatenspeicherung durchführen oder ausschreiben könnten. Sollte Ihnen dies nicht möglich sein, wäre es hilfreich, wenn Sie diese Anfrage an Kolleginnen und Kollegen weiter geben könnten, die an der Durchführung eines entsprechenden Forschungsprojekts interessiert sein könnten.
Sachdienliche Hinweise erbitten wir an die Mailadresse kontakt @ vorratsdatenspeicherung.de
Dr. Patrick Breyer; bitte weiter verbreiten
22.01.2010 17:12

