„Camera Obscura“ oder „Als ob man Terror filmen könnte...“
„Die Camera Obscura (lat. Camera - Kammer; obscura - dunkel) oder auch Lochkamera ist eine dunkle Kammer oder Schachtel, in die durch ein kleines Loch Licht hineinfallen kann. Auf der dem Loch gegenüberliegenden Seite entsteht ein spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Abbild. Diese Projektion kann betrachtet oder aufgezeichnet werden.“
(Definition von www.wikipedia.de)
Kopf stehen – das tut die öffentliche „Sicherheits“-Diskussion auch. „Wir müssen angesichts der erhöhten Terror-Bedrohung in Deutschland die Videoüberwachung ausweiten“, beten uns unsere Politiker vor. Aber warum? Aus Fakten und BigBrother-Phantasien wird ein verschwommenes Bild...
August 2006
Das Bundeskriminalamt veröffentlicht unscharfe Wackelbilder von zwei Jugendlichen in weißen T-Shirts, die angeblich Ende Juli zwei Kofferbomben in Regionalzügen in Deutschland deponiert haben. Auf den Bildern ist eindrucksvoll zu beobachten: Die mutmaßlichen Bombenleger fahren Rolltreppe, sitzen auf der Bank, gehen den Bahnsteig entlang und steigen in einen Zug. Wahrlich hoch verdächtige Verhaltensweisen, zumal auf einem Bahnhof! Das Bewegungsmuster wird in intelligente Kameras eingespeichert, die bei entsprechenden Aufnahmen zukünftig unverzüglich den Sicherheitsdienst alarmieren.
[Update: Schon jetzt fordert Verkehrsminister Tiefensee in etwa das, was wir in diesem Text erst für März 2007 vorhergesagt haben (siehe unten) Quelle: Spiegel-online.]
September 2006
Die Computer-Zeitschrift c’t berichtet über einen Computer-Stick, der in regelmäßigen Abständen per GPS seine Position bestimmt und aufzeichnet. Die Verkaufszahlen explodieren, weil tausende Menschen sich davon versprechen, im Fall einer fehlerhaften Rasterfahndung selbst nachweisen zu können, dass sie nicht auf dem entsprechenden Videobild zu sehen sein können, weil sie sich gerade woanders aufgehalten haben.
Oktober 2006
Die Sicherheitsdienste Deutschlands geben an ihre Mitarbeiter die Regel aus, auf die Alarmierungen der Kameras, die verdächtige Bewegungsmuster melden, nicht mehr zu reagieren. Das komme schließlich auf jedem Bahnsteig 5x pro Minute vor.
November 2006
Scharen von Bildreportern recherchieren nach dem kleinsten Anfangsverdacht, der die Schlagzeile „Mutig warf sich die kleine Kamera dem Angreifer an die Gurgel“ rechtfertigen würde. Vergeblich.
Immerhin: Eine platinblonde 20jährige, die von der Casting-Agentur von RTL II für die neue BigBrother-Staffel abgelehnt wurde, meldet sich vor laufender Kamera zu Wort: „Wenn ich wüßte, dass ich nicht gefilmt werde, würde ich auch sofort einen ICE in die Luft jagen. Aber diese grobkörnigen Wackel-Bilder, die sie dann von einem senden, versauen mir die Model-Mappe...“
Dezember 2006
Die ersten „Rail Marshalls“ fahren im Weihnachtsverkehr auf den Strecken der Deutschen Bahn mit. Die Initiative wird nach wenigen Tagen wieder eingestellt, weil aufgrund der häufigen Verspätungen der Züge die Überstundenzuschläge für die „Rail Marshalls“ jegliches Budget übersteigen. „Sicherheit muss man sich auch leisten können“, stöhnt Bahnchef Mehdorn in eine Fernsehkamera. Im Hintergrund werden gerade Videokameras im Werte von mehreren Hunderttausend Euro installiert.
Januar 2007
Ein mutmaßlicher Bankräuber wird verhaftet. Als er versucht, sein Alibi mit dem Computer-Stick, der in der c’t vorgestellt wurde, nachzuweisen, unterstellen ihm die Ermittler, den Stick einem Freund mitgegeben zu haben, um seine Spur zu verwischen. Innenminister Schäuble legt ein Gesetz vor, dass diese GPS-Nachweise ab sofort nur noch vor Gericht anerkannt werden, wenn sie direkt unter die Haut gepflanzt wurden.
Februar 2007
Der Bundesverband der Versicherungen veröffentlicht eine Statistik mit den Orten in Deutschland, an denen die meisten Gewaltverbrechen verübt werden. Mit Abstand auf dem ersten Platz: Private Wohnungen. Besonderer Kriminalitätsschwerpunkt: Die Schlafzimmer. Den Bürgern wird die - zunächst freiwillige - Installation von Übersichtskameras ebendort empfohlen. Es regt sich Unmut in der Bevölkerung. Die „tageszeitung“ beruhigt ihre Leser „Eine flächendeckende Videoüberwachung ist nicht geplant.“ An weiteren in der Statistik genannten Orten im öffentlichen oder halböffentlichen Raum (z.B. Bahnunterführungen und Tankstellen), so gibt der Bundesverband der Versicherungen bekannt, dürfen sich Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten künftig nicht mehr aufhalten, weil die Gefährdung für sie dort zu hoch ist. „Wer ein solches Risiko eingeht, sich dort aufzuhalten, hat kein Recht, von der Versichertengemeinschaft mitgetragen zu werden“, begründet der Sprecher der Berufsgenossenschaft der Sicherheitsbranche diese Entscheidung.
März 2007
[Update: Schon im September 2006 fordert Verkehrsminister Tiefensee in etwa das, was wir hier für März 2007 vorhergesagt haben. Quelle: Spiegel-online.]
Angela Merkel schafft es gerade noch rechtzeitig, eine Tischvorlage der Herren Schäuble und Beckstein aus dem Verkehr zu ziehen, in der die beiden vorschlagen, Rentner, Asylbewerber, Arbeitslosengeld-II-Empfänger und andere (Zitat) „reine Nutznießer des Sozialstaates“ in den von der Versicherungsbranche definierten und von Sicherheitsdiensten gemiedenen Risikobereichen als „Public Marshalls“ einzusetzen. Der Titel des Papiers: „Synergieeffekte von Terrorbekämpfung, Sozialstaatsfinanzierung, Alterspyramide und Zuwanderungsproblematik“
April 2007
Die Pariser Modemessen präsentieren den neuen Trend der kommenden Jahre: Ganzkörper-Kleidung, die Gesicht und Körperbau vor dem neugierigen Blick der Überwachungskameras schützen. Als "wunderbar weiblich" bejubelt wird das hellblaue Modell „Burka“ einer afghanischen Studentin.
27.08.2006 19:58

